Archive for the ‘Heimatfilm’ Category
I comme Icare
Thursday, May 17th, 2012„Diese Geschichte ist vollkommen wahr, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe.“ (Boris Vian, L‘Ecume des Jours)
Und da wahr, weil erfunden, spielt die Geschichte in einem fiktiven Staat, dessen Name ungenannt bleibt, auch wenn seine Fahne gewisse Parallelen zur us-amerikanischen aufweist, seine Währung der Dollar ist, und einem die Bilder der ersten Minuten überhaupt sehr bekannt vorkommen. Denn „ohne die Wahrheit gibt es keine Spannung“, wie es bei 1h, 46 min heißt, und so ist es natürlich auch kein Zufall, dass der Name Daslow ein Anagramm auf Oswald ist. Dennoch wird hier auf Doku-Material verzichtet, die Bilder werden nur ungefähr nachgestellt, nur so, dass die Parallele klar wird, aber zu eng soll es nicht werden, denn es handelt sich hier eben nicht um einen ganz speziellen Fall, der nur einmal, in der Vergangenheit stattgefunden hat und damit erledigt ist, sondern um Vorgänge, die so, oder so ähnlich immer wieder vorkommen konnten oder können.
Ganz anders als zum Beispiel bei diesem Film: Gleich zu Beginn werden Original-Szenen der damaligen Nachrichten gezeigt, bis zum Zeitpunkt der Filmpremiere viele Male gesendet und mittlerweile jedem bekannt. Worum es hier geht, ist von Anfang an klar, das Land, die Zeit, die Ereignisse, die Namen des Präsidenten und der handelnden Personen werden genannt, es gibt keine Anspielungen und keine Anagramme. Aber dann verlässt der Film sehr schnell die politische Ebene, um sich Tun und Charakter der Hauptfiguren zu widmen, während die tatsächlichen Geschehnisse völlig in den Hintergrund rücken.
I comme Icare hingegen ist zwar fiktiv, bleibt aber immer an den Ereignissen, wobei auf ein scharf abgegrenztes Gegenüber von Gut (Ermittler) und Böse (Verschwörer) verzichtet wird. Auch wird die Rolle der Medien immer wieder reflektiert, vor allem im Hinblick darauf, welche Bilder gezeigt und was weggelassen wird, zum Beispiel wenn wir das aufgebrachte Publikum der Live-Sendung im Hintergrund aufspringen sehen, während der Monitor im Vordergrund das gesendete Bild zeigt: einen vergleichsweise kontrollierten Moderator, der das Geschehen auf recht distanzierte Weise kommentiert.
Und wenn hier die allgemeine politische Ebene verlassen wird, um die Rolle der Einzelnen zu zeigen, dann nicht mit der beruhigenden Aussage, dass auch kleine Lichter ausreichend Helligkeit gegen große dunkle Verschwörungen erzeugen können, sondern mit eher gegenteiligem Ergebnis, denn der Teil des Films, der ausdrücklich nicht fiktiv ist, bezieht sich auf die Experimente von Stanley Milgram, die sich mit Autoritätshörigkeit und der Bereitschaft zum Gehorsam bei ganz normalen Bürgern in demokratischen Staaten befassten.
(I… comme Icare, Frankreich 1979; Regie: Henri Verneuil.)
Welt am Draht
Thursday, October 6th, 2011Das muss man sich auch erst einmal leisten können: Während Rainer Werner Fassbinder international noch immer als einer der wichtigsten deutschen Filmemacher gilt, wurde und wird sein Werk in seinem Heimatland eher kontrovers aufgenommen: zwar erhielt er auch in Deutschland zahlreiche Auszeichnungen, aber bis zu einer Academy Award Nominierung kam es z. B. nie, was auch kaum möglich war, da von seinen vielen Filmen (44 in 13 Jahren) überhaupt nur ein einziger (Lili Marleen, 1981) für den Wettbewerb um den Besten Fremdsprachigen Film aus Deutschland eingereicht wurde.
Andere schafften es gar nicht erst in die Kinos, schon nicht in die deutschen, von Europa oder den USA ganz zu schweigen: Fassbinders von einem Goldmann Taschenbuch inspirierter, zweiteiliger Science-Fiction Film „Welt am Draht“ wurde beispielsweise 1973 für ca. 950.000 DM unter Einsatz von zahlreichen Schauspielern (sowohl des ‚Fassbinder-Ensembles‘, als auch von deutschen Schauspieler-Größen damals schon eher vergangener Tage…) und einiger ziemlich origineller Special Guests (z. B. Rainer Langhans, Eddie Constantine, Werner Schroeter, Christine Kaufmann) im Auftrag des WDR produziert. Die Uraufführung gab es dementsprechend am 14. und 16.10.1973 im Westdeutschen Rundfunk Köln, wo er trotz überwiegend positiver Kritiken auch weiterhin verblieb: im Fernsehen, wo er von sehr seltenen Wiederholungen einmal abgesehen, schlicht nicht zu sehen war. Und auch die Tatsache, dass Rainer Werner Fassbinder in den darauffolgenden Jahren im In- und Ausland mehr und mehr zu einem geachteten und geehrten Filmemacher wurde, änderte daran nichts. „Welt am Draht“ kam nicht in die Kinos, er war nicht auf VHS und auch später nicht auf DVD erhältlich.
Erst als sich Jahrzehnte später die Rainer Werner Fassbinder Foundation anlässlich des 65. Geburtstages von Fassbinder und des 75. Geburtstages von Michael Ballhaus, daran machte, eine restaurierte und digitalisierte Fassung zu erstellen, was immerhin auch das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) für förderungswürdig hielt, und die im Rahmen der Berlinale 2010 ihre Uraufführung hatte, kam eben diese Fassung auch als DVD auf den Markt und in den USA in die Kinos, wo er, auch viele Jahre nach seiner Entstehung, gleich wieder inspirierend wirkte.
(Welt am Draht, Deutschland 1973/2010; Regie: Rainer Werner Fassbinder.)
Eins, zwei, drei
Thursday, September 29th, 2011„Kapitalismus ist wie ein toter Hering im Mondenschein: er glänzt, aber er stinkt!“
Billy Wilder hatte ein denkbar schlechtes Timing mit einem Film, in dem das Brandenburger Tor eine der Hauptrollen spielen sollte: eines Morgens, es war der 13. August 1961, stand das Filmteam buchstäblich vor verschlossener Türe – die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin und damit auch das Brandenburger Tor waren im Auftrag der Regierung der DDR über Nacht abgeriegelt worden und nun für die Crew nicht mehr passierbar. Plötzlich konnte einem, wie es der Erzähler am Anfang von Eins, Zwei, Drei ausdrückt, „..der vergangene Juli schon wie die gute alte Zeit vorkommen, gewiss, Berlin war auch damals schon eine geteilte Stadt, aber für diesen Zustand verlief das Leben verhältnismäßig normal – man konnte durchs Brandenburger Tor fahren, ja, man konnte sogar wieder zurück. Ein Teil der östlichen Volkspolizisten war bösartig und unwillig, dafür waren andere unartig und böswillig.“
Für das Filmteam bedeutete dies die Abreise aus Berlin nach München, wo auf dem Gelände der Bavaria Film Studios eine Attrappe des unteren Teils des Brandenburger Tores errichtet wurde, um die noch fehlenden Szenen drehen zu können.
Für die Premiere des Film bedeutete es aber auch, dass die Menschen nicht nur in Berlin, nur wenige Monate nach dem Mauerbau nicht wirklich empfänglich für den teilweise schmerzhaft treffenden Witz des Films waren, zudem eben ein Großteil der Geschichte auf dem schnellen Hin und Her zwischen West- und Ost-Berlin, immer mitten durch das Brandenburger Tor, beruhte, das zu dem Zeitpunkt, als der Film in den Kinos lief schon nicht mehr möglich war. Zwar wurde Eins, Zwei, Drei 1962 in den USA für einen Oscar und zwei Golden Globes nominiert, aber beim Publikum, in Deutschland, wie in den USA, fiel er weitgehend durch, woran auch Liselotte Pulvers Einsatz als personifiziertes ‚Fräuleinwunder‘ nichts ändern konnte.
Erst nach über 20 Jahren, als Eins, Zwei, Drei im Jahr 1985 erneut in die deutschen Kinos kam, fand er ein begeistertes Publikum, ganz besonders in West-Berlin, wo er sich in manchen Filmtheatern zum Dauerbrenner entwickelte. – Die Zeiten hatten sich geändert und schon wenige Jahre später sollten ja auch die Berliner Mauer Geschichte und das Brandenburger Tor wieder ungehindert passierbar sein.
(One, Two, Three, USA 1961; Regie: Billy Wilder.)
Monsoon Wedding
Thursday, August 25th, 2011Tropisches Wetter in Neu-Delhi, Temperaturen um die 43°C im Schatten und nur 30 Drehtage sind nicht unbedingt die optimalen Bedingungen um einen Spielfilm von knapp 2 Stunden Dauer zu drehen. Schon gar nicht, wenn es sich um einen Film mit zahlreichen Darstellern in Haupt- wie Nebenrollen, vielen verschiedenen Drehorten und noch dazu Gesang- und Tanzeinlagen handelt. Wenn dann auch noch wesentliche der frisch gedrehten Szenen den Röntgen-Strahlen der Flughafen-Kontrolle zum Opfer fallen, wird die Situation auch nicht gerade entspannter.
Dabei war die Idee einen Film zu drehen, der einerseits typische Bollywood-Elemente enthält, aber andererseits Hand-Kameras einzusetzen und ihn so in weiten Teilen eher wie eine Dokumentation wirken zu lassen, tatsächlich gut.
Also wird einer von sechs Handlungssträngen gestrichen, es muss wieder Geld aufgetrieben werden (was Monate dauert), um die verlorenen Szenen nachdrehen zu können (in zehn Drehtagen, für mehr reicht das Geld nicht), und… die gesamte Familie wird eingespannt. Gut, wenn diese dann auch zahlreich zur Verfügung steht und ebenso willig wie einsetzbar ist und so ist es dann in jeder Hinsicht ein Familienunternehmen geworden: inhaltlich, wie in der Umsetzung, und ein erfolgreiches zudem, denn 44 Jahre nach Aparajito von Satyajit Ray war Monsoon Wedding erst der zweite indische Film, der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde und darüber hinaus war die Regisseurin Mira Nair im Jahr 2001 die erste Frau überhaupt, die den Goldenen Löwen erhielt.
(Monsoon Wedding, Indien 2001; Regie: Mira Nair.)
Silentium
Thursday, July 28th, 2011Eine kleine, böse Würdigung der Salzburger Festspiele. Zweite von drei Verfilmungen der gleichnamigen Krimis von Wolf Haas, der erste Teil aus dem Jahr 2000, Komm süßer Tod, und der bislang letzte Teil von 2009, Der Knochenmann, sind natürlich auch schön anzuschauen. Alle sind mit Josef Hader, aber nur dieser ist mit Christoph Schlingensief.
(Silentium, Österreich 2004; Regie: Wolfgang Murnberger.)
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Wednesday, March 2nd, 2011Als Heinrich Böll am 10. Dezember 1972 den Nobelpreis für Literatur erhielt, dürfte das einigen Leuten ziemlich unangenehm gewesen sein. Denn während in der Begründung des Nobelpreis-Komitees in Schweden ausdrücklich von Bölls „zeitgeschichtlichem Weitblick“ die Rede war, hatte ihm eben dieser in seinem Heimatland gerade erst wenige Monate zuvor, am 1. Juni 1972 eine polizeiliche Durchsuchung seines Hauses in Langenbroich eingebracht.
Darüber, wie dies abgelaufen war, waren der Leiter des Einsatzes, Helmut Conrads (er habe Böll in Begleitung eines Kollegen lediglich einen Besuch abgestattet) und Böll selbst (bis zu 20 schwer bewaffnete Polizisten hätten sein Haus durchsucht) zwar geteilter Meinung, doch über den Anlass bestand eigentlich kaum Zweifel: Böll hatte im Januar 1972 einen Artikel für den Spiegel geschrieben, der den Titel trug „ Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“. Gemeint war Ulrike Meinhoff und schon die durch den Titel (der wohl erst in der Redaktion des Spiegel entstanden war) suggerierte, vertraute Nähe zur RAF-Terroristin, vor allem aber sein Inhalt, hatten Böll gleich in mehrfacher Hinsicht und ganz anders, als von ihm beabsichtigt, in die Schlagzeilen gebracht.
Denn während es ihm eigentlich darum gegangen war, die Methoden der Springer-Presse und Diejenigen, die mit ihr zusammenarbeiten zu kritisieren:
„Ich kann nicht annehmen, daß Polizeibehörden und zuständige Minister über Helfershelfer wie “Bild” glücklich sein können – oder sollten sie‘s doch sein? Ich kann nicht begreifen. daß irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch. nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck.“
– legte diese seinen Artikel ganz anders aus und schon stand Heinrich Böll selbst unter dem Verdacht ein „Sympathisant“ der RAF zu sein, was wohl letztlich auch zu besagter Hausdurchsuchung führte.
Im Jahr 1974 schrieb Böll dann, wieder für den Spiegel, mit ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘ die Geschichte einer jungen Frau, die auf einer Karnevals-Party in Köln einen jungen Mann kennenlernt, mit ihm die Nacht verbringt und am nächsten Morgen dafür verhaftet wird. Wobei das Problem nicht in der Tatsache des „Herrenbesuch“s an sich liegt, sondern vielmehr darin, dass nach ihm als mutmaßlichem Terroristen gefahndet wird und da er selbst entkommen kann, hält sich die Polizei eben an sie als Zeugin.
1975 machten Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta aus diesem Stoff und Musik von Hans Werner Henze, den gleichnamigen Film, und auch hier ist Bölls Empörung noch deutlich zu hören: „Diese Leute sind Mörder und Rufmörder. Alle! Es ist ja geradezu ihr Beruf unschuldige Menschen um ihre Ehre zu bringen, manchmal um ihr Leben. Sonst kauft ihnen ja niemand ihre Artikel ab.“ Denn wenn es nach stunden- und tagelangen Verhören heißt: „Wir müssen den Kollegen von der Presse Gelegenheit geben, ihrer Informationspflicht nachzukommen!“ interpretieren diese ihre Aufgabe sehr unterschiedlich und so wird in „Der Zeitung“ schon bald aus Katharinas Wohnung ein „Konspirations-Zentrum, ein Bandentreff, ein Waffenumschlagplatz“ und aus ihr eine „eiskalte Terroristenbraut“.
Dagegen zu protestieren ist zwecklos, denn es herrscht eine klare Logik: Staatsanwalt: „Im Übrigen darf die Pressefreiheit nicht leichtfertig angetastet werden.“ – Zeugin: „Wohl aber die Freiheit und Ehre eines Menschen?“ – Staatsanwalt: „Wer sich nicht in schlechte Gesellschaft begibt, bietet der Presse auch keine Möglichkeiten für vergröberte Darstellung.“
Heinrich Böll hat seinen Text im Nachwort selbst als Pamphlet bezeichnet, und man kann wohl hinzufügen, dass Katharina ein bisschen sehr unschuldig geraten ist, während Polizei und Presse wirklich überaus schlecht wegkommen. Das macht die Geschichte nicht unbedingt glaubwürdiger, aber da es auch heute, für Politiker oder z.B. Frauenrechtlerinnen geradezu ein Muss zu sein scheint, mit der Bildzeitung zusammenzuarbeiten oder Werbung für sie zu machen, zeigt der Film die andere Perspektive: dass es eben keineswegs für jeden Menschen schmeichelhaft oder von Vorteil ist, wenn es von ihm heißt: „Wir lesen ja jeden Tag über Dich in der Zeitung…“
(Die verlorene Ehre der Katharina Blum; Deutschland 1975, Regie: Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta.)