Archive for the ‘Film über Filme’ Category

Die Verachtung (Le Mépris)

Thursday, May 26th, 2011

Als Jean-Luc Godard im Februar 2011 mit dem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, reiste er nicht zur Verleihung nach Hollywood und auf die Frage, was ihm dieser Preis bedeute, antwortete er: „Nichts.“ Und weiter: „Wenn das der Academy gefällt, soll sie es tun. Aber ich finde es seltsam. Welche Filme von mir haben die gesehen?, fragte ich mich. Kennen die meine Filme überhaupt?”. Eine durchaus berechtigte Frage, sollte man meinen, denn vermutlich haben auch außerhalb der Academy of Motion Picture, Arts and Science sehr viel mehr Menschen vom Filmregisseur Godard irgendwie mal gehört, dass er sehr bedeutend ist, als tatsächlich seine Filme gesehen. Und auch wenn er von anderen Regisseuren gerne als großes Vorbild bezeichnet wird, hat man bisweilen den Eindruck, es gehe diesen in erster Linie darum, ihre eigene Intellektualität durch solche gut zitierbaren Äußerungen zu unterstreichen.

Doch Jean-Luc Godard, der Filmkritiker, -Theoretiker und Regisseur, macht es einem auch nicht immer leicht. Man kann seine Filme unverständlich finden, langweilig oder aufgeblasen, aber man kann sich auch darauf einlassen und mit etwas gutem Willen lernt man nicht nur erstaunlich viel über das Kino, sondern kriegt mitunter auch einen überraschend schönen Film zu sehen, wie z.B. diesen: Le Mépris (Die Verachtung) von 1963. Zwar wird auch hier, wie überhaupt gerne bei Godard, das Ende des Kinos schon bei Minute 6:40 ausgerufen, doch tatsächlich hat er wieder sehr viel zum Thema beizutragen – in Form von Zitaten, Allegorien und Doppeldeutigkeiten, ebenso wie durch wunderschöne Bilder.

Mehr Sinn für die Schönheit der Hauptdarstellerin Brigit Bardot, als für den Film hatten allerdings seine Produzenten. Denn während Godard noch in den 1950ern einer der engagiertesten Vertreter des ‚Autorenkinos‘ war, dem französischen Gegenentwurf zum ‚Produzentenkino‘ a la Hollywood, wollte er Anfang der 1960er Jahre auch einmal einen Film mit einem großen Budget drehen. Und einem richtigen Star. So kam er an die Produzenten George de Beauregard, Carlo Ponti und an das Geld des amerikanischen Produzenten Joseph E. Levine. Es sollte seine einzige Produktion dieser Art bleiben und nicht zuletzt der Film selbst zeigt auf anschauliche Weise warum.

Zwar gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Michel Piccoli in seiner ersten Hauptrolle, durchaus harmonisch und vor allem bekam Godard auf diese Weise die Gelegenheit, mit Fritz Lang zu arbeiten, der, damals 73 Jahre alt, ganz einfach sich selbst darstellte und offensichtlich großen Spaß dabei hatte. Auf der anderen Seite versuchten die Produzenten allerdings massiv in Godards Arbeit einzugreifen, was für ihn sicherlich enervierend war, für das Publikum aber ausgesprochen unterhaltsam ist, da er seine Erfahrungen mehr oder minder ungebremst in den Film einfließen ließ. So wurde er z.B. genötigt in Cinemascope zu drehen, was er im Film entsprechend kommentieren lässt (Paul: I like Cinemascope very much. – Fritz Lang: Oh, it wasn‘t meant for human beings. Just for snakes – and funerals.). Zudem bestanden die Produzenten auf Nacktszenen mit Brigitte Bardot, die Godard schließlich ebenso unwillig wie demonstrativ einbaute, während er zugleich die Darstellung des fiesen Produzenten im Film um weitere authentische Details bereicherte.

Immerhin, das Kinopublikum hatte 1963 wohl doch andere Vorlieben als die Produzenten, denn auf der Liste der erfolgreichsten Filme seines Erscheinungsjahres schaffte es Le Mépris selbst in Frankreich nur auf Platz sieben, trotz Brigit Bardot in nackig, und war damit offiziell ein Kassen-Flop, für Jean-Luc Godard allerdings ist es bis heute, wenn auch nur in finanzieller Hinsicht, sein größter Erfolg.

(Le Mépris, Frankreich, Italien 1963; Regie: Jean-Luc Godard.)

8 1/2

Thursday, April 28th, 2011

„Ich wollte einen ehrlichen Film machen. Ohne jede Lüge. Ich glaubte, ich hätte etwas so Einfaches zu sagen. Ein Film, der für alle irgendwie von Nutzen sein könnte, der helfen könnte, für immer alles zu begraben, was wir an Totem in uns tragen. Dabei bin vor allem ich es, dem der Mut fehlt, irgendetwas zu begraben. Und jetzt weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht und hab diesen Turm am Hals. Wer weiß, wieso das alles so gekommen ist. Wann genau habe ich den falschen Weg eingeschlagen? Ich hab halt einfach nichts zu sagen. Und trotzdem möchte ich etwas sagen.“

Ja, Guido Anselmi (Marcello Mastroianni), der bekannte und bislang erfolgreiche Regisseur, ein Mann in den besten Jahren, steckt in einer Krise. Sein aktueller Film ist eigentlich schon in der Produktion, die Finanzierung steht jedenfalls und auch ein Teil der Kulisse wurde bereits mit großem Aufwand und Kosten errichtet. Nun wollen die Schauspieler ihre Rollen und Anweisungen, wie sie zu spielen sind, der Produzent den raschen Drehbeginn und -Fortschritt, und die Presse Informationen über Inhalt und Bedeutung des Films, ebenso, wie über die politischen und religiösen Ansichten des Regisseurs. Kurz, alle haben Erwartungen, Fragen und Wünsche an ihn, aber, ihm fällt nichts mehr ein. Gut, vielleicht wäre sein Leben etwas einfacher, wenn er ein bisschen weniger egozentrisch und narzisstisch wäre, und wenn er nicht immer alles auf einmal haben wollte, auch im Privatleben, die Ehefrau, die Geliebte, ja eigentlich alle Frauen, oder auch wieder gar keine, weil sie ja doch alle so anstrengend und fordernd sind. Aber er ist nun mal, wie er ist und auf diese Weise kann er weder seinen Film, noch sein Privatleben in den Griff kriegen.

„Nicht vergessen: dies ist eine Komödie“ soll Federico Fellini sich beim Dreh zur Erinnerung an die Kamera gepinnt haben und ganz offensichtlich hat er darauf gehört, denn immer dann, wenn unser Held, der natürlich auch irgendwie Fellini selbst ist, all zu sehr in seiner Schwermut aufgeht, korrumpiert er ihn mit Szenen von skurriler Komik.

Nach seiner eigenen Zählung (sechs Spielfilme, zwei Kurzfilme und einmal Co-Regie) war dies Fellinis Film Nummer otto e mezzo (achteinhalb), daher der Titel, obwohl der Arbeitstitel „La Bella Confusione“ (Die schöne Verwirrung) auch sehr passend gewesen wäre. Fellini führte aber nicht nur die Regie, sondern er schrieb auch das Drehbuch, und legte dabei auch gleich die denkbar härteste Kritik dem Drehbuchautor selbst in den Mund: „Eins ist mir bei der Lektüre des Drehbuches sofort aufgefallen, der Mangel an jeglicher Problematik, oder, wenn Sie so wollen, an einer philosophischen Grundlage. Das macht den Film zu einer Folge von unzusammenhängenden Episoden. Ich will durchaus nicht bestreiten, dass sie sehr unterhaltsam sein können, in ihrem zweideutigen Realismus, aber, man fragt sich, was wollen sie eigentlich, die Autoren? Wollen sie uns zum Nachdenken anregen, oder wollen sie uns Angst einjagen? Die Story enthüllt von Anfang bis Ende eine solche Armut an dichterischen Einfällen, entschuldigen Sie, aber für mich ist sie einer der eklatantesten und erschütterndsten Beweise dafür, dass der Film im Vergleich zu den anderen Kunstformen um 50 Jahre im Rückstand ist. Das Sujet hat nicht einmal den Wert, der manchmal einen avantgardistischen Film auszeichnet, auch wenn es alle seine sonstigen Schwächen aufweist.“

Dies wäre, wollte man es tatsächlich auf 8 ½ beziehen, natürlich unerhört tiefgestapelt, und könnte nur als reine Koketterie verstanden werden. Noch dazu für einen Film, in den Fellini einfach alles hineingepackt hat, sogar eine Rumba tanzende Saraghina und einen steppenden Matrosen!

(8 ½, Italien 1963; Regie: Federico Fellini.)