Category Archives: Therapeutische Maßnahme

Why has Bodhidharma left for the East?

His name is Hyegok. Although he is far away from us in the mountains, he is like a beacon lamp. To be effective, mustn’t a beacon be situated high up and far away?“

Das Thema ‚Kleine Mönche‘, Waisenjungen, die in buddhistischen Klöstern aufgezogen werden und je nach persönlicher Veranlagung mehr oder minder empfänglich für die dort gelehrten Weisheiten und praktizierte Lebensweise sind, wurde bereits in einem der ältesten, erhaltenen koreanischen Filme behandelt, der aus dem Jahr 1949 und damit noch aus der Zeit vor der heutigen Teilung Koreas in Nord- und Süd stammt.

Mehr als 50 Jahre später wurde die Geschichte in Südkorea erneut verfilmt und im Jahr danach zeigte sich, dass selbst der sonst für eine ganz andere Art von Filmen bekannte Kim Ki-duk mit Frühling, Sommer, Herbst, Winter …und wieder Frühling das Motiv ebenfalls aufgenommen und einen für seine Verhältnisse relativ gewaltfreien Film gedreht hatte. Sein Ansatz unterschied sich allerdings grundlegend von den beiden zuvor aufgeführten, da er sich offensichtlich von einen ganz anderen Film hatte inspirieren lassen.

Und nicht nur er, denn Why has Bodhidharma left for the East? war in den 1990ern alles andere als ein Geheimtipp: in Korea und Japan von den Kritikern hoch gelobt, lief er 1989 in Cannes in der Reihe Un Certain Regard und wurde im selben Jahr beim Filmfest von Locarno als Bester Film ausgezeichnet.

Insgesamt acht Jahre lang hatte Bae Yong-kyun an diesem Film gearbeitet, wobei er von Drehbuch und Regie, über Kamera, Beleuchtung und Ton, bis hin zum Schnitt von Hand alle Arbeiten daran selbst ausführte, unterstützt nur von vier Laien-Schauspielern und der Musik von Chin Kyu-Young. Entsprechend heißt es von ihm, der Film handele nicht nur von Zen-Buddhismus, sondern er sei selbst eine Zen-Lektion und schon seine Herstellung sei eine praktische Übung in Zen gewesen.

Um so bedauerlicher eigentlich, dass die ursprüngliche, fast drei Stunden lange Fassung für die Kino-Version um mehr als eine halbe Stunde gekürzt wurde.

(Why has Bodhidharma left for the East?, Südkorea 1989; Regie: Bae Yong-kyun.)

Chiwaseon

Jang Seung-eop, oder Owon, wie sein Künstlername lautete, lebte von 1843 bis ungefähr 1897, während der Choson-Dynastie, und war bereits zu seiner Zeit einer der berühmtesten Maler Koreas.

Einigermaßen berüchtigt war er, soweit überliefert, ebenfalls: für seine Unnachgiebigkeit, seinen mitunter zügellosen Alkoholkonsum und sein auch ansonsten wohl recht wildes Leben – aber dergleichen soll ja bei Malern, die es ernst mit der Kunst meinen, keine Seltenheit sein und gibt darüber hinaus erstklassigen Stoff für einen Film ab.

Und da Im Kwon-taek gerade erst im Vorjahr in Sachen Historienfilme zur koreanischen Kultur unter anderem auch in Europa gut angekommen war, nahm er sich des Themas an, was dann auch gleich wieder eine Einladung nach Cannes zur Folge hatte, wo er dieses Mal zwar auch nicht mit der Goldenen Palme, aber als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.

Eigentlich hätte für Chiwaseon aber auch gut noch ein Preis für den besten Darsteller dabei sein dürfen, denn zum einen ist in einer Nebenrolle Ahn Sung-ki zu sehen, der schon in diesem, nicht ganz konventionellen Film ganze Arbeit geleistet hatte und zum anderen wird der eigenwillige Maler von Choi Min-sik gespielt, der sich hiermit wohl auch für seine nächste, nicht weniger ausgefallene Rolle qualifizierte…

(Chiwaseon, Südkorea 2002; Regie: Im Kwon-taek.)

Festival

Auch Im Kwon-taek gehört zu den drei Regisseuren, denen das Koreanische Film Archiv bei youtube eine eigene Liste gewidmet hat, allerdings finden sich dort von den über hundert Filmen, die er (bisher) gedreht hat, lediglich vier: General‘s Son und Sopyonje, Taebaek Mountains und Festival.

Von den ersten beiden war an dieser Stelle bereits die Rede und zu Taebaek Mountains wäre zu sagen, dass er in nahezu epischer Läge den Korea-Krieg behandelt und 1995 im Wettbewerb der Berlinale lief, wo er aber keinen Preis erhielt, während er zuvor in Korea 1994 zwar die Auszeichnung als Bester Film der Blue Dragon Awards erhalten hatte, ansonsten aber auch dort weder von Publikum noch Kritik mit großer Begeisterung aufgenommen worden war.

Ähnlich sieht es mit Festival aus, auch dieser erhielt 1996 den Blue Dragon Award als Bester Film, wurde aber kein Publikumserfolg und die Kritiker in Korea scheinen sich weitgehend einig darin zu sein, dass es sich um einen von Im Kwon-taeks „kleineren“ Filmen handelt. Dies ist eigentlich schade, denn Festival ist kein Gangster-, Action- und/oder Historienfilm und es geht auch nicht um spezielle Gesangsformen mit Trommelbegleitung, sondern um andere, ebenfalls sehr eigene koreanische Traditionen, hier im angewandten Fall einer Beerdigung, aber anders als die zuvor genannten Filme handelt es sich um eine Komödie, und manche Szene scheint tatsächlich dem richtigen Leben direkt abgeschaut zu sein.

Was wohl nicht zuletzt dem Autor Lee Cheong-joon zuzuschreiben ist, der schon die literarische Vorlage zu Sopyonje geliefert hatte und dessen Stoffe überhaupt gerne in Korea verfilmt wurden, aber anders als zum Beispiel bei Ieoh Island in der Version von Kim Ki-young dürfte er seine Geschichte hier auch weitgehend wieder erkannt haben…

(Festival, Südkorea 1996; Regie: Im Kwon-taek.)

Sopyonje

Nachdem Im Kwon-taek sich in den 1980ern von seinen vorherigen Themen, überwiegend Action- und Kriegsfilmen, Komödien und Melodramen, die ein möglichst großes Publikum ansprechen und unterhalten sollten, abgewandt und sich mit eher speziellen Fragen der koreanischen Kultur und Gesellschaft befasst hatte, drehte er 1990 mit General‘s Son doch noch einmal einen Gangster-Actionfilm mit vielen Kampfszenen und reichlich Pathos, der beim Publikum dann auch gleich so gut ankam, dass er sowohl 1990 als auch 1991 der meistbesuchte Kinofilm Südkoreas wurde.

Einen solchen Erfolg konnte man natürlich nicht alleine für sich stehen lassen und so wurde in den Jahren 1991 und 1992 mit General‘s Son II und III eine Trilogie daraus, die insgesamt gut besucht wurde und Im Kwon-taek eine ganze Menge Geld einbrachte.

Genug Kapital auf alle Fälle, um sich mal ein richtig ausgefallenes Thema leisten zu können, eines, das viel zu speziell wäre, um ein kommerzieller Erfolg zu werden. Zum Beispiel eine traditionelle Form epischen Gesangs, die es so nur in Korea gab, bei der eine Sängerin oder ein Sänger bis zu mehrere Stunden lange Erzählungen in Liedform vortrugen, unterstützt nur von der eigenen Gestik und Mimik, einem Fächer und einem Trommler.

Da man tatsächlich nicht mit allzu vielen Zuschauern rechnete, lief Sopyonje 1993 nur in einem einzigen Kino in Seoul an, wo ihn anfangs auch nur wenige Menschen sehen wollten. Aber, Mundpropaganda muss wohl ein Teil des Phänomens gewesen sein, dies sollte sich bald ändern und nach sechs Monaten war Sopyonje der erste Film, für den alleine in Seoul mehr als eine Million Tickets verkauft wurden, und der darüber hinaus dazu führte, dass Pansori zumindest eine ganze Weile lang eine echte Alternative zu K-Pop wurde.

Beide Filme, General‘s Son und Sopyonje, kann man sich auf dem Youtube-Channel des Koreanischen Film Archivs vollkommen legal und kostenlos anschauen und anhören.

(Sopyonje, Südkorea 1993; Regie: Im Kwon-taek.)

Sibaji – The Surrogate Mother

Selbst im an emsigen Filmemachern nicht eben armen Südkorea nimmt Im Kwon-taek mit seiner umfangreichen Filmographie eine herausragende Stellung ein: Seit seinem ersten Film von 1962, Farewell to the Duman River, drehte er zeitweise bis zu acht Filme im Jahr, was ihn bislang auf Platz drei der südkoreanischen Regisseure mit der größten Anzahl an Titeln brachte – wobei es aber nicht unbedingt bleiben muss, denn anders, als die beiden Herren auf den Plätzen vor ihm, lebt Im Kwon-taek noch und hat vor nicht allzu langer Zeit erst seinen 101. Film in die Kinos gebracht.

Den weitaus größten Teil seiner Filme drehte Im Kwon-taek allerdings in den ersten beiden Jahrzehnten seines Schaffens – ab Anfang der 1980er wurden es deutlich weniger pro Jahr, diese aber wurden zunehmend auch außerhalb von Südkorea zur Kenntnis genommen. So war The Surrogate Mother im Jahr 1986 zwar schon der 85. Film, den Im Kwon-taek fertig stellte, aber auch sein erster, der zu internationalen Film Festivals eingeladen wurde.

Und während er beim heimischen südkoreanischen Publikum nicht eben ein großer Erfolg wurde, sah man dies in anderen Teilen der Welt offensichtlich anders: 1987, beim 32. Asia Pacific Film Festival, erhielt The Surrogate Mother den Preis für den besten Film, die beste Regie und die beste Nebendarstellerin und bei den Filmfestspielen von Venedig wurde Hauptdarstellerin Kang Soo-yeon im selben Jahr als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

(Sibaji – The Surrogate Mother, Südkorea 1986; Regie: Im Kwon-taek.)

Woman of Fire (82)

My wife’s support has been unflagging over the years, even if, at times, she has seen one of my films and cried ‘What have you done with my money?’“

Wenn auch sein bekanntester Film nicht unter den vom Koreanischen Film Archiv bei youtube zur Verfügung gestellten ist, so finden sich dort immerhin die beiden anderen Teile der Trilogie, denn offensichtlich hat ihn das Thema derart fasziniert, dass Kim Ki-young noch zwei weitere Varianten davon drehte: Woman of Fire von 1971 und Woman of Fire 82, die allerdings beide völlig anders sind, als ihr Vorläufer, und das nicht nur, weil es hier nun sehr bunt, bizarr und psychedelisch wird.

Ebenfalls auf der Kim Ki-young Film-Liste des KoFA ist Yang san Province von 1955, der einzige von acht Filmen, die Kim Ki-young vor The Housemaid gedreht hat, der wenigstens zum größten Teil erhalten ist. Anders als seine nachfolgenden Filme kam er allerdings weder bei Publikum, noch Kritik gut an. Ein viel diskutierter Erfolg hingegen wurde The Sea Knows 1961 in Südkorea, Kim Ki-youngs erster Film nach The Housemaid, den man wohl, auch wenn es hier speziell die japanische Armee ist, die schlecht wegkommt, als einen Film betrachten darf, der sich ganz grundsätzlich gegen Krieg und Militarismus richtet.

Weiterhin finden sich dort Ieoh Island von 1977, der selbst für einen Kim Ki-young-Film drastisch ausfällt, sowie A Woman chasing a Killerbutterfly (1978) und Carnivorous Animal (1985).

Ausreichend Material also, um sich selbst ein Bild davon machen zu können, ob Kim Ki-young zu recht nicht nur in Südkorea Kultstatus genießt, sondern seit Ende der 1990er auch in Japan, den USA, Deutschland und Frankreich mit Retrospektiven auf internationalen Filmfestivals geehrt wurde, und weshalb so viele Regisseure der nachfolgenden Generation in Südkorea ihn als maßgeblichen Einfluss und Vorbild nennen, unter ihnen Park Chan-wook, Bong Joon-ho, Park Ki-hyeong und Kim Ki-duk.

Immerhin soviel dürfte wohl sicher sein, Kim Ki-youngs Filme gehören zu den eigenwilligsten und ausgefallensten Werken des südkoreanischen Kinos, oder, wie es beim Koreanischen Film Archiv zu lesen ist: „Although his movies seem to lack rational and logical reason and though his works cannot be pinned down or easily classified, Kim Ki-young is one of the most significant directors in the history of Korean cinema.“

(Woman of Fire, Südkorea 1971 und Woman of Fire 82, Südkorea 1982; Regie: Kim Ki-young.)

The Housemaid

In den 1950ern und 1960ern war die südkoreanische Filmindustrie überwiegend in Studios organisiert und, wie wir gesehen haben, fleißig damit beschäftigt, die ab 1963 dann auch staatlich vorgegebene Quote koreanischer Filme pro Jahr zu erfüllen. Dies geschah, indem in Akkordarbeit produziert wurde, zum großen Teil entweder Kostümfilme, Familienkomödien bzw. -meldodramen, oder aber, in den 1960er auch sehr beliebt, Filme wie The Barefooted Young, in denen Koreas Jugend, ähnlich wie die amerikanische von James Dean, Coolness lernen konnte und welche Leder- bzw. Jeansjacken dazu unbedingt notwendig waren.

Und dann gab es noch Kim Ki-young. Dieser hatte eigentlich Medizin studiert, war als Zahnarzt tätig gewesen und erst nach Ausbruch des Korea-Krieges über Umwege zum professionellen Filme machen gekommen, wobei er sich von den etablierten Studios weitgehend fern hielt und früh seinen ganz eignen Stil entwickelte, was er sich allerdings auch leisten konnte, da seine Frau Kim Yu-bong, die ebenfalls Zahnärztin war, mit ihrer Praxis für ausreichend Einkommen sorgte.

Aber auch, wenn Kim Ki-young von inhaltlichen wie finanziellen Vorgaben der Studios weitgehend unbelastet seine Filme verwirklichen konnte, so galten die staatlichen Zensurgesetze für ihn natürlich in gleichem Maße. Allerdings wurden auch diese mal mehr oder weniger streng gehandhabt und so muss 1960 ein gutes Jahr für Kim Ki-young gewesen sein, denn entweder waren die Gesetze gerade besonders lasch, oder sie wurden von niemandem ernsthaft kontrolliert, denn anders ist kaum zu erklären, wie The Housemaid es in die Kinos schaffen konnte. – Schon ein Jahr später, nach dem Militärputsch von General Park Chung-hee, wäre dies wohl so nicht mehr möglich gewesen.

Wobei man The Housemaid auf den ersten Blick fast mit einem der sonstigen, damals beliebten südkoreanischen Familienfilme verwechseln könnte, die Darstellerinnen und Darsteller waren zum Beispiel überwiegend viel beschäftigte und bekannte Schauspieler, die man in Südkorea aus zahlreichen, ganz anderen Rollen kannte, immerhin hatten drei von ihnen, Kim Jin-kyu, Joo Jeung-Nyeo und Um Aing-ran gerade erst gemeinsam in diesem Film von Shin Sang-ok sehr überzeugend eine heile Familie gegeben, aber es gelingt Kim Ki-young doch recht schnell, deutlich zu machen, dass seine Interpretation von koreanischem Familienleben, nun ja, eben anders ist.

Während aber Kim Jin-kyu kurze Zeit später wieder mit Filmen wie diesem ins übliche Rollenschema zurück wechselte, ebenso wie Joo Jeung-Nyeo und Um Aing-ran, und Ahn Sung-ki, der hier einen seiner frühen Auftritte hat, zu einem der meist beschäftigten Schauspieler Südkoreas werden sollte, verlief die Karriere von Lee Eun-sim ganz anders: ihre Darstellung hinterließ beim Publikum einen derart nachhaltigen Eindruck, dass sie im Anschluss an diesem Film in keiner anderen Rolle mehr besetzt wurde… (auch nicht in einer der beiden anderen Varianten des Themas, die Kim Ki-young zehn, bzw. 20 Jahre später drehte).

(The Housemaid, Korea 1960; Regie: Kim Ki-young.)

And Now for Something Completely Different

Wenn ist das Nurnstuck git und Slotermeyer? Ja! Feierhund das oder die Flipperwaldt gersput!“

Auch wenn das Lesen oder Hören dieser Zeilen gewisse Gesundheitsrisiken birgt, so ist es nun, spätestens nach dem an dieser Stelle bereits gewisse Parallelen zu erkennen waren, an der Zeit, auch Monty Pythons Schaffen zu würdigen.

Dies soll exemplarisch mit „And Now for Something Completely Different“ geschehen, ihrem ersten Kino-Film, der zwischen der ersten und zweiten Staffel ihrer TV-Serie Monty Pythons Flying Circus gedreht wurde, und der eigentlich dazu gedacht war, sie dem amerikanischen Publikum bekannt zu machen. Finanziert und produziert wurde das Ganze vom Playboy Magazin und der einen oder anderen Episode sieht man auch an, dass Monty Python sich der daraus resultierenden Verantwortung durchaus bewusst waren. Vor allem John Cleese scheute sich nicht, sich ganz im Geiste des damals populären Magazins zu präsentieren.

Dennoch war man in den USA zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht reif für diese spezielle Form von Humor, andererseits wurden Film und Fernsehserie in Großbritannien und Deutschland dafür umso freudiger aufgenommen, wo sie rasch zu eben jenen Klassikern avancierten, die sie bis heute sind. Bleibt nur noch, darauf hinzuweisen, dass einige der Sketche des Films ganz offiziell im Monty Python Channel auf youtube zu sehen sind, zum Beispiel hier, oder hier, oder hier, oder hier, oder hier, oder hier… und natürlich auch andere, die ebenfalls (wieder-)sehenswert sind und bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

(And Now for Something Completely Different, Großbritannien 1971; Regie: Ian MacNaughton.)

 

The Falls

Über Alfred Hitchcocks The Birds ist schon so viel gesagt und geschrieben worden, dass es wohl kaum nötig ist, dem noch mehr hinzuzufügen. Was aber geschah danach? Hier liefert Peter Greenaways Film The Falls einige interessante Ideen.

Ein im Film als VUE (Violent Unknown Event) bezeichnetes Ereignis hat stattgefunden, das viele Tote, aber auch eine ganze Reihe an Überlebenden zurückgelassen hat, von denen letztere infolge dessen auffällige Symptome und Verhaltensweisen entwickeln. Um der Sache auf den Grund zu gehen, wird mit all der Akribie, zu der nur wirkliche Bürokraten fähig sind, ein Verzeichnis aller Überlebenden, ihrer Symptome, ihres Bezugs zum VUE und ihres späteren Werdegangs angelegt. Der Film selbst stellt – als Auszug – die 92 Biographien jener Überlebenden vor, deren Name mit den Buchstaben FALL beginnt…

Es handelt sich hier, nach einigen Kurzfilmen, von denen zwei auch eingebaut wurden, um Peter Greenaways ersten langen (und mit 3 ½ Stunden dann gleich ziemlich langen), Film, von dem er allerdings selbst sagte, es sei ja niemand gezwungen, ihn am Stück zu schauen, vielmehr möge man die Biographien ganz nach eigenem Belieben durchstöbern. Und natürlich ist nicht zu übersehen, dass es eben kein Film von Alfred Hitchcock, sondern einer von Peter Greenaway ist, der herzlich wenig auf Suspense, dafür aber viel auf jene Form von Satire und Humor setzt, die man sonst eher bei Monty Python findet.

Und wer nun wissen möchte, was The Falls mit Theodor W. Adorno, Wittgenstein und Foucault zu tun hat, erfährt dies auf der recht umfangreich angelegten Website zum Film, auf der man auch sämtliche 92 Biographien in Textform findet – allerdings ist der Film selbst mit der Musik von Michael Nyman (und ein wenig Brian Eno) unterlegt, die auf der Website nicht zu hören ist und das macht einen großen Unterschied. Einen sehr großen.

(The Falls, Großbritannien 1980; Regie: Peter Greenaway.)

 

The Hole

Anfang der 1990er, ungefähr zur gleichen Zeit, als in Beijing auf die „Fünfte Generation“ Filmemacher die sechste folgte, gab es in Taiwan ebenfalls nach der ersten Welle des New Taiwanese Cinema, eine zweite und bereits fünf Jahre nachdem überhaupt zum ersten Mal ein Film in chinesischer Sprache in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, konnte nach Hou Hsiao-hsien schon der zweite Filmemacher aus Taiwan diesen Preis entgegen nehmen.

Denn auch wenn Tsai Ming-liang genau genommen in Kuching, Malaysia, geboren und aufgewachsen war, und sich einige Jahre als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur bei TV-Produktionen in Hong Kong betätigte, so drehte er doch bislang die meisten seiner Filme in Taipeh, wo er bis 1982 an der Chinese Culture University Drama und Film studiert hatte.

In diesen, seinen Filmen verzichtet Tsai Ming-liang weitgehend auf Dialoge, setzt aber mit schöner Regelmäßigkeit Räume, am liebsten Küchen, unter Wasser, oder lässt es doch wenigstens draußen ständig regnen, was den praktischen Nebeneffekt hat, dass das Geräusch des ständig strömenden Wassers auch gleich den Soundtrack ersetzt.

Ähnlich wie seine Kollegen von der ersten Welle des Neuen Taiwanesischen Kinos schätzt Tsai Ming-liang auch sehr, sehr lange Einstellungen, in denen zum Beispiel Flure oder Durchgänge gezeigt werden: Menschen bleiben darin stehen, gehen hinein und hinaus, bisweilen pinkeln sie auch, aber die Kamera bewegt sich nicht – manchmal passiert auch gar nichts, oder es wird dunkel, weil eine Frau gerade das Fenster mit Paketband zugeklebt hat.

Damit das Ganze nicht zu symbolisch aufgeladen wirkt, wird es ab und zu durch absurde Sexszenen aufgelockert, in einem seiner bekanntesten Filme zum Beispiel, spielen dabei Wassermelonen eine wichtige Rolle, die allerdings, wie er bereits vorher in einem anderen Film anschaulich vorgeführt hatte, auch gut zum Bowling geeignet sind. Überhaupt zitiert Tsai Ming-liang sich ganz gerne selbst, oder ist doch zumindest darum bemüht, seine eigene Bildsprache zu entwickeln und wiederholt einzusetzen.

Eine weiterer fester Bestandteil seiner Filme ist Lee Kang-sheng, der in allen Filmen von Tsai Ming-liang die Hauptrolle spielt, so auch in The Hole, unterstützt von Yang Kuei-Mei, die man zwar auch aus diesem Film kennen kann, aber eben auch aus zahlreichen anderen Tsai Ming-liang-Produktionen. Überhaupt sind hier viele der typischen Elemente vertreten, aber die langen Einstellungen werden in The Hole zum ersten Mal so konsequent wie abwechslungsreich eingesetzt: apokalyptisches Wasserrauschen in der baufälligen Sperrzone contra 30er Jahre Mandarin-Popsongs mit Federn und Pailletten.

(The Hole, Taiwan und Frankreich 1998; Regie: Tsai Ming-liang.)